|
|
|
STARTSEITE |
|
INFORMATIONEN |
|
AUKTIONEN |
|
FREIVERKAUF |
|
REKORDPREISE |
|
KONTAKT |
|
IMPRESSUM |
|
|
|
|
|
| |
|
"Aus der Finanzgeschichte lernen" - Spekulationsblasen
|
| |
|
Die geplatzte Technologie-Bubble weist verblüffende Parallelen zu historischen Spekulationsblasen auf.
|
| |
"Das Getümmel unserer Schaumschläger an der Börse ist diese Woche so groß gewesen, dass es alle bisher gekannten Ausmaße übertraf. Es war nur noch ein Rennen von einem Kaffeehaus zum anderen, von einer Taverne zur nächsten, um Aktien zu zeichnen, zu unterschreiben, ohne die Prospekte zu prüfen. Der allgemeine Ruf lautete: Lasst uns um Gottes Willen zeichnen und unterschreiben, es ist ja gleichgültig, was!" Aus welcher Zeit stammt dieses Zitat wohl? Würde man eine etwas modernere Sprache wählen, könnte es zweifelsfrei aus dem Frühjahr 2000 stammen. Doch das Zitat ist viel älter. Es wurde im Jahr 1720 im London Journal veröffentlich, als in London ein Run auf die Aktien der South Sea Company ausbrach. In nur wenigen Monaten kletterte der Kurs der Südsee-Aktien von rund 130 auf mehr als 1000 Prozent. Genau so schnell brachen die Kurse aber auch wieder zusammen.
Tausche Staatsschulden gegen Konzessionen
Ihren Ursprung hatte die South Sea Company bereits im Jahr 1711. Das durch die Gründung zugeflossene Kapital schoss die Gesellschaft dem englischen Staat als Kredit vor, der damit seine Staatsschulden umschichtete. Im Gegenzug erhielt die South Sea Company zahlreiche Privilegien für den Handel mit Südamerika. Lange Zeit pendelte der Kurs um seinen Ausgabepreis von 100 Prozent. Erst 1720 kam Schwung in die Aktie. Der Staat brauchte erneut Geld und die South Sea Company war bereit diese Staatsschulden zu übernehmen. Bedigung: Die Regierung musste der Südsee-Gesellschaft das Recht einräumen, das Kapital so oft zu erhöhen wie sie es wollte. Zudem war sie bei der Wahl des Ausgabepreises frei. Schon bald kam es – begleitet von bewußt geschürten Gerüchten – zu weiteren Kapitalerhöhungen die zu immer höheren Preisen durchgeführt wurden. Im Juli 1720 durchbrach der Kurs erstmals die Schallmauer von 1000 Prozent.
Frappierende Parallelen
Erinnern Sie sich noch an die Versteigerung der UMTS-Lizenzen im Sommer 2000? Damals bekamen auch sechs Gesellschaft exklusive Lizenzen und zahlten teures Geld, das zur Tilgung der Staatsschulden diente. Was war die Werbung für die T-Aktie anderes als das Anheizen der Kurse durch Gerüchte anno 1720? Und es gibt noch weitere Parallelen zwischen der heutigen und der damaligen Zeit, wie Peter N. Martin in seinem Buch "Die großen Spekulationen der Geschichte" über die Londoner Börse an der Change Alley berichtet: "Es gab Gründer von Gesellschaften, die in Change Alley nur für einen Tag einen Stand mieteten, um dort neue Aktien zu verkaufen. Schon 24 Stunden später war das eingezahlte Geld verschwunden und die neuen Aktionäre mussten nun ihrerseits einen dummen Käufer suchen." Bereits 1720 standen die Abzocker also den Anbietern des heutigen Grauen Kapitalmarktes in nichts nach. Und auch einen dritten Vergleich hält der Südsee-Schwindel stand: Dem Gründungsboom und dem damit verbundenen Neuemissionsfieber. Insgesamt wurden im Zuge der South Sea Bubble mehr als 200 neue Unternehmen gegründet. Die Geschäftszwecke waren dabei mehr als abenteuerlich. Einige Beispiele: "Gesellschaft zur Beschäftigung der Armen", "Gesellschaft zum Handel mit Menschenhaaren", "Gesellschaft zur Erfindung eines sich ständig bewegenden Rades (perpetuum mobile)" sowie "Gesellschaft zu einer Unternehmung, die erst später bekannt gegeben werden sollte". Letztere Firma versprach den Aktionären eine jährliche Rente von 1000 Pfund auf jede Aktie. Diese wurde für lächerliche zwei Pfund zur Zeichnung angeboten. In wenigen Stunden waren mehr als 1000 Anteilscheine unters Volk gebracht.
Insider verkaufen als Erste
So schnell wie der Aufschwung war, so schnell ging es auch bergab. Clevere Großspekulanten mit guten Beziehungen zum Management stießen als erstes ihre Aktien ab und brachten so die Kurse zum Einsturz. Die Drahtzieher des Boom bemühten sich zudem um ein Gesetz, das sich als kapitaler Fehler erweisen sollte. So verabschiedete das Parlament schon bald ein Gesetz gegen unseriöse Neugründungen. Damit wollte die South Sea Company die lässtige Konkurrenz im Kampf um das Kapital loswerden. Doch durch das Platzen der Blase wurde auch die South Sea Aktie mit in die Tiefe gerissen. Bereits einem Monat nach dem Top waren der Kurs um ein Drittel eingebrochen. Zwei Monate später waren er gar auf ein Zehntel seines ursprünglichen Wertes gefallen.
Gründungsboom in Deutschland
Aber auch in Deutschland gab es bereits lange vor dem Neuen Markt wilde Aktienspekulationen und Börsenschwindel. Der wohl markanteste Börsen- und Gründungsschwindel ereignete sich Anfang der 1870er Jahre. Auslöser für den Gründerboom war der Sieg über Frankreich, durch den das vereinte Deutschland in die Riege der europäischen Großmächte aufstieg. Zudem musste Frankreich Reparationszahlungen in Höhe von fünf Milliarden Franc leisten. Diese wurden Zug um Zug gezahlt und sorgten so für Liquiditätsnachschub auf dem Kapitalmarkt, denn die Regierung nutzte die Mittel um Anleihen vorzeitig zurückzuzahlen und um große Staatsaufträge zu vergeben. Ende 1871 standen die Aktienkurse bereits um mehr als 50 Prozent über ihren Niveaus aus dem Jahr 1870. Zudem erleichterte die Regierung die AG-Gründung, da fortan keine Zulassung mehr notwendig war. Und es wurde fleissig gegründet, wie die Übersicht über die Firmengründungen in Preussen zeigt:
| Zeitraum | Anzahl der AG-Gründungen in Preußen |
| Vor 1800 | 5 |
| 1800 bis 1870 | 523 |
| 1871 bis 1872 | 780 |
| Quelle: Jörg Nimmergut – Historische Wertpapiere |
Vor allem Banken wurden ab Mitte des Jahres 1871 in großer Zahl gegründet. Doch die Nachfrage war noch größer! So war die Aktie der Berliner Maklerbank bei ihrer Emission beispielsweise 326fach überzeichnet gewesen. Damals schrieb der Autor des Büchleins "Die Aussprüche Jerobeams oder das Geschäft mit den Aktien" abschätzig über die Emissionshäuser: "Wenn man sein Geld und seine Fähigkeiten verwenden will, so unternimmt man etwas in der Landwirtschaft, der Industrie oder dem Handel. Wenn man entweder mit seinem Geld oder mit seinen Fähigkeiten arbeiten will, so fäng man an zu spekulieren. Hat man weder das eine, noch das andere, so wird man Bankier, und das bringt am allermeisten ein." Alleine in Berlin wurden 1871 mehr als 100 neue Aktien an die Börse gebracht. In ganz Deutschland lag die Zahl der Börsenneulinge mit 265 sogar noch deutlich höher als in den Boomzeiten des Neuen Marktes. 1872 wagten noch einmal 167 Firmen den Gang an die Börse. Gleichzeitig wurde viel Geld durch Kapitalerhöhungen der bereits notierten Gesellschaften aufgesaugt. Deutschland war in nur drei Jahren vom völlig unbedeutenden Börsenplatz zum zweitwichtigsten Emissionsmarktplatz hinter England und noch vor den USA aufgestiegen.
Der Crash beginnt in Wien
Vom Boom in Deutschland lies sich auch Österreich anstecken. An der Wiener Börse wurden die Kurse im Frühjahr 1873 in der Hoffnung auf eine erfolgreiche Weltausstellung, die im Mai in Wien stattfiinden sollte, angetrieben. Doch die "Expo" wurde zum Flopp. Die ersten, eng mit der Weltausstellung verbundenen Firmen waren schnell ruiniert. Die Banken kündigten aus Angst vor Verlusten zahlreiche Kredite und gossen damit weiteres Öl ins Feuer. Am 8. Mai begann einer der folgenschwersten Kurseinbrüche der Wiener Börse. In Berlin störte der Zusammenbruch des Österreichischen Aktienmarktes zunächst nur wenig. Erst am 13. Mai kam es auch in Berlin zum Zusammenbruch. Die Geldquelle, die in Deutschland mehr als 1000 Firmen an die Börse geführt hat, war versiegt. Mit ein Grund hierfür waren erneut die französischen Reparationszahlungen: Sie wurden viel schneller als erwartet vollständig geleistet. Das führte dazu, dass der Boom verstärkt und der Einbruch noch verschärft wurden.
Unaufhaltsame Pleitewelle
Ähnlich wie am Neuen Markt drohte in der Folgezeit vielen Unternehmen das Aus. Alleine in den drei Jahren nach 1873 standen mehr als 180 börsennotierte Gesellschaften vor dem Bankrott. Betroffen waren vor allem Firmen, die im Boom verschwenderisch mit dem reichlich vorhandenen Geld umgingen. Auch waren zahlreiche Emissionsbanken betroffen. So musste bereits Anfang Oktober die Quistorp'sche Vereinsbank aufgeben, die besonders für ihre zwielichtigen Gründungen bekannt war. Die Emissionsbilanz war ernüchternd: Von den 27 vorbörslich gezeichneten Aktien brachte die Gesellschaft immerhin 21 an die Börse. Doch dann war die Bilanz eher bescheiden: Als die Quistorp'sche Vereinsbank ihre Zahlungsunfähigkeit bekannt gab, wurde bereits 14 der 27 Unternehmen keine Überlebenschance mehr eingeräumt. Und wie sah die Emissionsbilanz und der Wertegang einer Gonthard & Metallbank oder einer Goldzack am Neuen Markt aus? Nicht viel besser, wie wir heute wissen!
Tricksen und Täuschen
Schwindel war auch in den 1870er schon an der Tagesordnung. So schrieb der börsenkritische Journalist Otto Glagau 1876: "Im einsamen Thal entdeckt der Gründer (Erfinder) einen verlassenen Schornstein, und aus dieser Ruine machter er flugs eine – Maschinenfabrik." Glagau spottet weiter: "Des Gründers Phantasie macht aus einem Zimmermann, der Balken ausschält, ein Lieferungsgeschäft für Baumaterial; aus dem verwegenen Knaben, der eine Rakete steigen lässt, eine chemische Fabrik; und – nehmt Eure Wäscherinnen in Acht! Lasst sie nicht mehr alleine über die Strasse gehen, sonst macht sie der Gründer über Nacht zu einer Actien-Wäscherei." Ähnlich wie heute durch Enron, WorldCom und ComRoad wurde bereits damals das Vertrauen der Investoren zu tiefst erschüttert. Die Folge war eine schwere Depression, die noch bis in das Jahr 1878 andauerte.
Erst in der Baisse kommt Licht ins Dunkel
Auch im Vergleich mit der Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929 weist der Neue ettliche Parallelen auf. Allerdings waren die "Golden Zwanziger" vielmehr von der Gier der Anleger und der damit verbundenen Spekulation auf Kredit und weniger von schwindlerischen Absichten der Firmen geprägt. Die Betrügereien wurden in vergangenen Schwindelperioden – wie auch heute –, erst in der Baisse aufgedeckt. A. Vallace hat das bereits in seinem 1955 erschienen Buch "Glücksritter & Spekulanten" erkannt: "Natürlich kam die Aufdeckung nie während des Booms selbst: so lange er anhielt, konnte das Errichten finanzieller Großreiche durch Neu-Emissionen, neues Geld, das man von der Öffentlichkeit nahm, um frühere Verluste oder Unterschlagungen abzudecken, fortgesetzt werden, ganz gleich, wie durchsichtig und betrügerisch auch solche Gründungen sein mochten."
|
| |
|
|